Das Falkensteiner Bockerl
www.falkensteiner-bockerl.de
zur Homepage
Seite zurück
Hauptseite Seite vor

 

Gartenasyl für die alte Kirchenglocke
Alfred Fuchsstadt sammelt Bahnraritäten und Barockengel / Schrazellöcher entdeckt

Alfred Fuchsstadt vor seinem kleinen Freilichtmuseum.
Foto: Strasser

Von Ralf Strasser, MZ

Wer in Lambertsneukirchen nach dem Weg zu Alfred Fuchsstadt fragt bekommt stets die gleiche Antwort: "Des is leicht," heißt es, "da wo die großen Signalmasten von der Bahn stehen." In der Tat: Haus und Garten fallen auf. Positiv. Auf dem ersten Blick öffnet sich ein kleines Freilichtmuseum. Thema Eisenbahnraritäten. Ein wahres Sammelsurium an Bahnartefakten: Signalmasten, Schienenteile von 1857, uralte Wasserwaagen, Karbidlampen, eine Steinlore vom Falkensteiner Bockerl, renovierte Bahnhofsuhren und ein Stellwerkhäuschen voll mit Einzelteilen, deren Verwendungszweck erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist.
Alfred Fuchsstadt ist das, was man gemeinhin als pensionierten Sammler bezeichnet.
Tatsächlich ist der gelernte Bäcker und "Bahnler" aus Leidenschaft seit sieben Jahren in Pension. Fuchsstadt hat Zeit - und die braucht er auch für seine Hobbys. Suchen, sammeln, restaurieren und aufstellen.

Lava aus Pfaffenstein

Viel Platz hat er nicht mehr, denn neben seinen, in vielen aktiven Jahren zusammengetragenen Originalen aus vergangenen Eisenbahnzeiten, finden sich Utensilien, die man eher in einer Bauernausstellung oder im Karl Valetin Museum vermuten würde. Bei genauerer Betrachtung entdeckt man in seinem großen, idyllischen Garten ein kleines und verwunschenes (Märchen) Reich: Ein Barockengel im tiefen Gras, im Hintergrund grüßt eine kaum bedeckte Schöne unter Bäumen hervor. Am Haus weitere Sammelstücke: An der Wand lehnt ein Schleifstein, den der pensionierte Kranführer regelrecht der Müllabfuhr "abgeluchst" hat. In unmittelbarer Nachbarschaft ein Schnabeltopf, dem es völlig einer Gebrauchsdefinition mangelt. Gleich daneben ein fast schon antiker Strohabschneider. "Der lag bei einem aufgelösten Bauernhof mitten in den Brennnesseln." Ein alter Pflug von 1935 aus Falkenstein hat seine letzte Ruhestätte gleich neben einer Egge mit Holznägel gefunden, und in der Ecke steht ein Teil eines gedrechselten Stiegengeländers. Fuchsstadt streicht fast zärtlich über das Holz: "Hervorragende Schneckendrechselarbeit," murmelt er anerkennend. Fuchststadt deutet auf einen großen, schwarzen Stein. "Lava aus Pfaffenstein," erklärt er, "sogar mit einem Muschelabdruck." Versteckt hinter einem kunstvoll geschmiedeten Tor ("So was gibt es heute gar nicht mehr") ein alter Ziegelstein mit einem Fußabdruck.

Viele keltische Kultstätten

Fuchsstadt sammelt alles, was ihn interessiert und was andere nicht mehr gebrauchen können. Sogar eine großdimensionierte Glocke aus Falkenstein, die noch vor einigen Jahren in der Kirche den Ton angab. "Die hat nicht mehr mit dem neuen Glocken harmoniert," erinnert sich der 67-Jährige und hat ihr kurzerhand in seinem Garten Asyl gewährt. Das Original aus Lambertsneukirchen trägt wirklich alles zusammen - sogar Löcher und keltische Kultstätten. "Hast´ schon mal was von Schrazellöcher gehört," fragt er verschmitzt. Den verduzten Besucher lädt er sogleich zu einer Entdeckungstour ein und fährt mit ihm nach Wutzldorf bei Rossbach. Dort unter einer Terrasse eines Bauernhofes, hinter einem vergitterten Eingang, befindet sich eine in festen Stein von Menschenhand "gemeißelte" schmale, sehr niedrige Höhle an deren Ende eine Mulde zu erkennen ist. Mit ein wenig Phantasie eindeutig eine Kultstätte aus längst vergangenen Zeiten, erklärt Entdecker Fuchsstadt. Das heißt, entdeckt hat es die Familie Fuchs beim Bau ihres Anwesens. "So um 1960 muss es gewesen sein," erzähltdie Bäuerin Gisela Fuchs, "da wär uns doch glatt das ganze Haus weggesackt, wegen dem Schrazelloch. Mein Mann wollte es schon zubetonieren, aber so was muss man doch erhalten," rechtfertigt Gisela Fuchs. Damals eine Sensation, jetzt fast schon wieder in Vergessenheit geraten. Bis es Alfred Fuchsstadt bei seinen Wanderungen wieder "gefunden" und das Schrazelloch in seine imaginäre Sammlung einverleibt hat, natürlich mit wohlwollender Genehmigung von Gisela Fuchs.

Mit offenen Augen rumlaufen

Doch der gelernte Konditor, Eisenbahner, Sammler, Hobbygärtner und Heimatforscher Fuchsstadt hat noch mehr zu bieten: Keltische Opferstätten. "Ich kenne über 360 Stellen," sagt er nicht ohne Stolz, "die nächste ist gleich in der Nähe auf dem Helferstein bei Seelanden." Auf die Frage wie man denn keltische Kultstellen in solch großer Zahl finde, schließlich stolpere man als Normalbürger nicht ständig über derartige Orte, kann Fuchstadt nur den Kopf schütteln. "Man muss halt mit offenen Augen durch die Landschaft gehen." Das tut Alfred Fuchsstadt auch reichlich, auch wenn er ein wenig über seine müde gewordenen Beinen lamentiert. Guter Tipp: Wer ihn besucht, sollte sich viel Zeit mitnehmen, denn es gibt viel zu sehen und der Erzählstoff geht ihm sicherlich auch nicht aus.

Gut zu wissen:

Schrazellöcher sind verzweigte Erdställe, die nterirdisch miteinander verbunden sind. Da diese Erdställe in der Regel sehr eng und sehr niedrig sind, wurden diese mit Schrazen (kleinwüchsige Menschen) und früher auch mit Zwergen und Wichtel in Verbindung gebracht. Schraz, ein oberpfälzischer Ausdruck, kam ursprünglich aus dem althochdeutschen "Scrato, scraz" und war die Übersetzung des Begriffs "pilosi" (haarige Berggeister). Der oberpfälzer Heimatkundler Karl Schwarzfischer schrieb 1968 zur Frage der Schrazellöcher oder auch Erdställen, dass es sich um Kultstätten der vorchristlichen Zeit gehandelt haben muss. Die Schrazellöcher, Teil eines Höhlenlabyrinths, werden in vielen geheimnisvollen und mystischen Sagen erwähnt, die Zwerge, Alraunen und Heinzelmännchen zum Inhalt haben. Neueste Erkenntnisse weisen jedoch profan auf Fluchtburgen hin.

 

Mittelbayerische Zeitung vom 8.9.2005

 
Seite zurück
Hauptseite
Seite vor

Copyright © Ingo Hein.

Ingo Hein, Straubinger Str. 3, 93167 Falkenstein, Tel.: 09462/1020, eMail: